Wir sitzen Cappucino schlürfend im Vintage-Cafe und versuchen die Diskrepanz zwischen Stadt und Land Armeniens zu verstehen. Während das Hinterland geprägt war von einfachen Häusern, kaputten Straßen und alten Autos und wir kaum einen Supermarkt finden konnten, verkehren hier neue Mercedes und Bentleys zwischen Malls und großen, teuren Supermärkten. Hier decken wir uns wieder mit allerlei exotischen Produkten wie Sojassoße und Ramen ein, die wir seit den Emiraten überall verzweifelt gesucht hatten. Zwischen den Shops gibt es dann aber doch zahlreiche Straßenhändler, die sehr günstig allerlei Produkte verkaufen, wie zum Beispiel viel leckeres Gebäck aus frittiertem Hefeteig. Das Armenier gerne Kaffee trinken merken wir an allen Ecken. Neben zahlreichen Kaffee-Shake-Shops, gibt es sogar in der U-Bahn Station gute Automaten, an welchen man sich bequem seinen Cappucino herauslassen kann. Wir ziehen also stets mit wahlweise Oreo-, Erdbeer oder Kaffee-Shake bei 37°C durch die Straßen und genießen den südeuropäischen Flair von Jerewan.

Zudem überrascht Armenien mit etwas, dessen Existenz wir schon fast vergessen hatten: Kunst. So scheinen Musik und Tanz wieder eine wichtigere Rolle zu spielen und sind nicht gänzlich der Religion gewidmet. Es gibt zahlreiche Statuen, nette Cafes, einen großen Kunstmarkt und wir sehen sogar ein Streichkonzert auf der Straße.

Vor allem an den Frauen, die ihren Nachbarn 100km weiter in Kurdistan ethnisch nicht unähnlich sind und mit welchen sie kulturell auch eine lange Geschichte teilen, erkennen wir gleichzeitig den eklatanten Unterschied den die unterschiedliche Religion der beiden “Völker” hier macht. Im größtenteils christlichen Armenien tragen die Frauen ihre langen schwarzen Haare fast wie zum trotz immer offen und können es in Punkto Freizügigkeit mit jeder westlichen Großstadt aufnehmen.

Neben den modernen und traditionellen Elementen der armenischen Kultur erinnern zahlreiche prunkvolle Betonbauten an den verblühten Glanz des Kommunismus. Der ehemalige Stadtpark ist völlig verfallen, jedoch versprühen die verostenden Karuselle und schimmelnden Gebäude immer noch oder mittlerweile wieder einen Endzeit-Charme, der zumindest von einigen Touristen und Einheimischen genossen wird.

Im kulturellen Museum wird die armenische Geschichte heroisch aufgearbeitet. So sind der Kampf gegen Türkei und Aserbaidschan wichtige Elemente, jedoch auch der Beitrag zum Sieg gegen Nazi-Deutschland. Stolz präsentiert uns die Museumswärterin, die uns zunächst offenbar für Russen hält, anhand einer 3D-Darstellung wie zahlreiche armenische Soldaten beim Sturm des Reichstags beteiligt waren und fragt uns ob wir das Gebäude denn kennen. Als ich ihr klarmache, dass ich es sehr wohl kenne, weil ich ja aus Deutschland bin brechen wir alle in Gelächter aus. Ihr ist es aber dann doch so unangenehm, dass sie sich mehrfach entschuldigt und schließlich ihre Kollegin uns den Rest der Geschichte erklärt.

Wir verbringen zwei Tage mit dem Besichtigen des Sehenswürdigkeiten, bevor wir schließlich weiter in Richtung Garni-Tempel aufbrechen.

One Reply to “2023-07-21 Jerewan”

  1. Meine Schülerin Lucy Melkumjan würde sich freuen, wenn sie wüsste, was ihr alles Schönes in Armenien gesehen habt! Sie ist auch sehr religiös, gleichzeitig aber lustig, flink, gescheit und freidenkend; und sehr gebildet.

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