*zum Glück nicht immer wie auf diesem Bild

“Normal” denke ich mir, während ich beginne differenziertere Überlegungen anzustellen.

Allgemein ist das Leben im Bus jedenfalls zeitintesiver aber auch auf eine schöne Art naturnäher als das in der Wohnung. Es gibt keinen Regen oder Sturm, den man nicht direkt bemerkt und auch eine kalte Nacht erfährt man am eigenen Leib. Das macht den Bus bei Kälte und Regen aber auch unvergleichbar gemütlich, wenn man dann nach Kochen, Heizen und mit einer Wärmeflasche im wohlig Warmen sitzt und sich darüber im Klaren ist, dass die raue Natur so nahe ist. Auch ist das bekannte Zuhause einem viel Wert, wenn man nach einem langen Tag mit unzähligen neuen Eindrücken die Vorhänge schließt und auf einem Parkplatz in Istanbul plötzlich im 100 prozentig Vertrauten Heim ist, während man die Fremde drumherum völlig ausblenden kann.

Die ständige Nähe

Knappe sechs Quadratmeter zu zweit klingen erst Mal eng, bei Schönwetter ist die Fläche natürlich weniger das Problem. Im Winter in Griechenland gab es aber auch kalte Tage, die Lösung des Problems liegt in meinen Augen darin, zwei separierbare Bereiche zu haben. In unserem Fall bedeutet das, vor dem Bett einen Vorhang anzubringen, der es erlaubt, dass eine Person schläft während die andere programmiert. Der Koch oder Arbeitende hat in seiner Bewegungsfreiheit Vorrang, der Bekochte sitzt oder liegt, tut aber jedenfalls nichts wobei er sich im Bus groß bewegen müsste. So klappt es insgesamt gut, wobei es hilfreich ist wenn man sich gegenseitig als verlängerten Arm benutzt und geben lässt, was dem anderen näher ist. Platz machen wäre dann meist noch mehr Aufwand.
Beim Reisen im Bus gibt es viele organisatorische und bürokratische Dinge zu klären, die neuen Verkehrs”regeln” überwältigen manchmal, und man braucht eine Pause. Wir sind also in regelmäßigen Abständen sehr dankbar, den jeweils anderen bei uns zu haben. Um nicht vollständig zu einer Einheit zu verschmelzen und auch noch selber zu denken, versuche ich manchmal etwas alleine zu machen. Dabei reichen Kleinigkeiten, wie alleine mit dem Bus einkaufen zu fahren oder 2 Stunden ohne Internet in einer arabisch geprägten Stadt zu verbringen, oft schon aus. Wirklich genervt von der bloßen Anwesenheit des anderen waren wir bisher nie, es gibt auch nicht mehr Streit oder Zank als in Lindau.

Körperhygiene


Von Deutschen Standards verabschieden wir uns hier beim Frei stehen schnell.
Wir haben ja mit unserem Bus nicht unbedingt die Luxusvariante gewählt, das “Badezimmer” ist einer der fünf Hängeschranksegmente in Kombination mit der Abwasch. Warmwasser gibt es, allerdings erst nachdem man Wasser aufgekocht und in einem Behältnis gemischt hat.
Das Meer bietet sich an und unsere Ansprüche an Außen- und Wassertemperatur sind gefallen. Fürs Haarewaschen ist Salzwasser aber nix habe ich festgestellt, auch Duschgel im Meer ist ein Quatsch. Für warme Tage außerhalb der Stadt haben wir darum eine Sackdusche, diese erhitzt durch die Sonne das in ihr befindliche Wasser. Wenn man die Hintertüren öffnet und die Dusche auf das Bett legt kann man, nachdem man alles mit Duschvorhängen gesichert hat, duschen. Dazu ist eine zweite Person hilfreich, pro Person verbraucht man ca 7 L Wasser und eine Stunde Zeit.
Bei Kälte ist ein Waschlappen mit Waschschüssel unser bester Freund, diese Art des Waschens macht erstaunlich sauber.. früher hat mans ja auch nicht anders gemacht.
Haare waschen im Bus ist eine echte Aktion, die bei mir mindestens eine Stunde dauert. Darum hat sich mein Waschintervall stark ausgedehnt – bald fetten die Haare dann auch weniger, ein Kamm zum ausführlichen auskämmen und Hochsteckfriseuren helfen zusätzlich. Gestunken haben sie bisher nur nach dem Waschen in den schwefelhaltigen Thermopylen.
Unser Busklo ist zwar nur wenn notwendig (und nur für Flüssigkeiten) im Einsatz, in Vororten sind wir dafür jedoch äußerst dankbar. In der Stadt findet sich eigentlich immer ein Klo, in der Natur sowieso, im Falle nimmt man den Spaten mit, um nichts Ungustiöses zu hinterlassen.

“Freizeit”

Was auf Reisen zwar anstrengend sein kann aber gleichzeitig Luxus ist, ist das begrenzte Internet. Das bedeutet für uns, dass an kalten Busabenden vernachlässigte Hobbies wie lesen, zeichnen, Brettspiele spiele notgedrungen wieder zum Einsaz kommen und damit direkt eine angenehme Atmosphäre machen. Wenn es WLan gibt, wird dafür so richtig YouTube gesüchtelt.

Essen

In unserem Bus gibt es fast so viel Küchenarbeitsfläche wie Zuhause, das war mir extrem wichtig. Das Kochen dauert trotzdem etwas länger und der Abwasch kann auch noch einmal, wir essen aber insgesamt ziemlich gut. Gekocht wird fast jeden Tag, manchmal sogar mehrfach, damit können wir uns immer ein Stück Zuhause in den Bus holen. Außerdem ist es vor allem wenn wir Klettern notwendig sich gut zu ernähren, ständig Brote ist nicht unser Ding. Zudem probiere ich gerne, im Lokal Gegessenes nachzukochen, man will ja auch etwas lernen.

Frei stehen oder “wildcampen”

Freistehen ist unterschiedlich gerne gesehen und meist nicht legal, häufig aber toleriert. An manchen Orten nimmt es derart überhand, dass wir bewusst auf den Campingplatz gegangen sind. Wenn wir frei stehen versuchen wir die Plätze, an denen wir stehen, etwas aufzuräumen und sauberer zu hinterlassen, als sie waren. Auf der Durchreise stehen wir auch Mal an der Autobahn, bei manchen Städten wie Athen bleibt fast nur abends an den Stadtrand zu fahren. Das kann auch Mal mühsam sein, meist findet sich aber doch recht bald etwas, verschiedene Apps helfen die Pläze mit toller Aussicht zu finden. Unsicher haben wir uns bisher noch nie gefühlt, dann würden wir wohl auch nicht bleiben. Unser weißer Lieferwage hilft uns in Großstädten nicht weiter aufzufallen, darum ist es auch manchmal möglich direkt in der Stadt zu schlafen.
Neben den Übernachtungsplätzen gibt das Reisen im Auto natürlich auch die Möglichkeit überall stehen zu bleiben, wo es schön aussieht. Mittagessen mit Weitblick oder ein Sonnenuntergang am weißen Sandstrand sind oft eher zufällige Annehmlichkeiten. Wenn es besonders schön ist bleiben wir auch schon mal 2, 3 Tage und genießen es, für kurze Zeit an diesem Ort zu wohnen.

Reisen oder nicht reisen

Natürlich wollen wir in diesem einen Jahr viel sehen, kennen lernen und neue Erfahrungen machen. Wenn Sprache, Schrift, Straßen, Gerichte und Sitten regelmäßig wieder neu sind, genießen wir es auch längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Dann besichtigen wir meist nichts sondern suchen uns einen netten Platz, wie etwa bei einer Kirche etwas außerhalb von Athen, machen Sport oder genießen etwas die Natur und leben vor uns hin bzw. gehen unseren Hobbies nach. Es war mir vor der Reise besonders wichtig, dass Zeit für die Dinge, die im Alltag oft zu kurz kommen, bleibt. Nach zwei Tagen kochen, lesen, Sprache lernen, programmieren, Yoga machen und Schach spielen ist dann oft wieder genug Platz im Kopf, um weiterzufahren. Wenn wir ein gutes Klettergebiet gefunden haben bleiben wir aber auch schon Mal mehrere Wochen – auch das war etwas was die zeitlich begrenzten Urlaube uns in der Art nie erlaubt haben und wir jetzt auskosten.

Natürlich sind diese Tage auch dazu da, kleine Reperaturarbeiten zu erledigen, den Blog zu updaten und Wäsche zu waschen etc.

*Phil repariert die Elektronik unterm Sitz

One Reply to “Wie ist das so, im Bus zu wohnen?”

  1. Danke Julie für deinen tollen Artikel mit den ganzen Eindrücken, so kann ich mir euer Leben im Van viel besser vorstellen, du hast mir viele Fragen beantwortet, die ich schon lange stellen wollte😊
    Euch erstmal eine gute Zeit in Israel

    Angelika

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