Gastbeitrag von Julie

“Straßenhunde können vielerlei Krankheiten übertragen, macht am besten einen großen Bogen um sie” rät einem beinahe jeder Türkeiblog zusammen mit Tipps wie “auch bei bewölktem Wetter kann man einen Sonnenbrand bekommen, Sonnenschutz ist also immer angesagt”, “besser ihr kocht das Obst immer erstab, bevor ihr es esst” oder “darum ist es wichtig ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, am Besten 3 Liter jeden Tag”.
Es konnte ja keiner ahnen, dass eine dieser Sicherheitsregeln nur knapp an einer wirklich relevanten Info vorbeischrammt nämlich der, dass die Schafsherden in der Osttürkei von den beschützerischen Kangals bewacht werden.

Die Osttürkei und ihre Kurdengebiete sind landschaftlich wunderschön, die Leute sind freundlich und ziehen einen weit weniger übers Ohrs als im Westen des Landes, insbesondere die Kurden erleben wir als ausgesprochen gastfreundlich, sie laden uns mehrfach ein. Das Lebens ist vielerorts naturnäher, wo wir hingehen sehen wir große Echsen, Schlangen, Ziegen und Schafe. Beim Besuch des Nemrut Krater finden wir auf einem Hügel mit Weitblick auf die Berge eine kleine Schildkröte, auf unserer Wanderung sehen wir vielfach Bärenkot. Beim kleinen Kratersee wird uns erklärt, dass man hier abends die Bären sehen könne, sie kämen “zum Fressen” und seien auch nicht gefährlich. Wir lehnen dankend ab, obwohl es uns schon sehr gereizt hätte. Im Van werden wir auf der Suche nach einem Postamt Zeugen davon, wie zwei Hühnern auf offener Straße der Kopf abgeschnitten wird. Hin- und hergerissen zwischen Mitleid, Abscheu und Verwunderung stehen wir gaffend daneben.


In Aladaglar verweilen wir einige Tage in den Bergen und als ich von meiner Yoga Session zum Bus zurück gehe, finde ich Phil auf dem kleinen Eselchen eines Schäfer sitzend, der Esel denkt nicht mal daran sich zu bewegen. Der Schäfer, der täglich seine Herde an uns vorbeitreibt, lädt uns zum Tee ein. Es ist schon Abend und dunkel, als wir ankommen und die Schafe sind in der Höhle untergebracht. Zwei seiner fünf Kangals knurren uns böse an, als wir uns der Herde nähern und wir sind ehrlich erleichtert, als er uns “abholen” kommt; diese Hunde werden nicht herumkommandiert, wir fragen uns wieso. Auf unsere Nachfrage meint er, dass sie nicht gefährlich seien. Wir staunen nicht schlecht über sein Haus: neben der Höhle, die die Schafe zum Übernachten nutzen ist eine kleine Hütte ohne Stehhöhe oder Eingangstüre gebaut, darin befinden sich ein Holzofen, ein Gasherd, ein kleines Regal und auf dem Teppich auf dem Boden ein paar Kissen. Strom komme vom Solar, in der mitte des Raumes steht offen eine Autobatterie, die die Lampe und das Handy speist. Fließend Wasser, Klo oder Dusche gibt es nicht. Ein kleines Kätzchen schmiegt sich an uns, sie solle die Mäuse fangen, die wir in der Wand kratzen hören. Die Hunde habe er sich zum Schutz gegen die Wölfe zugelegt, sie kämen nachts ins Tal herunter und wir fühlen uns nochmal darin bestätigt, dass es tatsächlich Wölfe waren, die wir an unserem ersten Abend in Aladaglar gehört haben. Dieser Job scheint ein 24 Stunden Job zu sein, kein Geräusch entgeht dem Schäfer. Die Frage, ob er im Dorf noch eine Wohnung habe, verneint er, die Herde habe ihm sein Vater vermacht. Wir gestehen uns beschämt ein, dass wir auf unserer Busrüeise luxuriöser leben als dieser Schäfer im Alltag. Uns wird Tee serviert, nach einiger Zeit gesellen sich drei weitere Schäfer dazu und es wird eifrig um Schafsglocken gefeilscht. Wir können uns ein Grinsen nicht verkneifen, als “unser” Schäfer erst eine offenbar beschädigte Glocke zu verkaufen versucht; so viel verstehen wir auch ohne tiefergehende Sprachkenntnisse. Beim Abschied warnt uns einer der anderen Schäfer noch, nicht in Reichweite des angeketteten Kangal zu stehen. Wohl doch nicht so ungefährlich.


Nach einer weiteren netten Begegnung in Diyarbakir mit Einblick in die Welt der Kurden machen wir uns auf nach Dogubayazit, um uns nach Touren auf den Ararat zu erkundigen. Auf dem Picknickplatz, auf dem wir schlafen wird vor Ort täglich ein Schaf geschlachtet und an einer dort angebrachten Halterung ausgenommen. Die Türken kaufen hier ihr frisches Grillfleisch, die Hunde holen sich die Hufe als Snack. Aus der Mülltonne riecht es nach Blut, das Fleisch wird direkt auf einem Holztischlein geschnitten. Wir besichtigen ein Bergschloss und wollen nachmittags noch auf den nächsten Hügel, um den Ararat zu sehen und stellen fest, dass dieser von einer weiteren Hügelkette verborgen ist. Um etwas zu unternehmen und uns zu bewegen beschließen wir also auf die nächste Kette zu wandern. Es ist später Nachmittag und nicht mehr so heiß und wir kommen gut voran auf der Wiese, in die sich der Weg verwandelt hat. Bald sehen wir vor uns eine Schafsherde mit mehreren Schäfern, sie erblicken uns auch und wir halten bereits Ausschau nach den Hunden. Einer der Hunde läuft bellend auf uns zu, ist jedoch beruhigt, als wir unseren Abstand zur Herde weiter vergrößern. Als wir bereits an der Herde vorbei sind und schon etwa 20 Meter zwischen uns und die Herde gebracht haben, erblickt uns wohl auch der letzte Hund aus einiger Entfernung und rennt schnurstracks und bedrohlich bellend auf uns zu. Während wir im Rückwärtsgehen noch warten, dass er sein Tempo drosselt und überlegen, was wir denn tun, wenn dies nicht der Fall ist hören wir die Schäfer aus der Entfernung “go go go!!” rufen; der Ruf richtet sich klar an uns und versetzt mich in schrille Panik – offensichtlich haben die Schäfer keine Möglichkeit ihren Hund zurückzurufen und schätzen die Situation als mindestens so bedrohlich ein wie wir. Wir stolpern keuchend den steilen Berghang hinauf, um uns von der Herde zu entfernen, die sich im Tal befindet. Dabei komme ich kaum voran, wann immer ich mich umdrehe, ist mir der Hund noch näher und die Schäfer rufen erneut “go go go!!” damit ich nicht langsamer werde. Ich mache mich innerlich darauf gefasst von dem Hund zerfleischt zu werden, realisiere wie wenig Möglichkeiten ich mit “Wolfskrause” (dem riesigen Stachelhalsband) habe den Kopf des Hundes von mir fern zu halten und ärgere mich, dass mein Körper nicht schneller rennt. Phil hat unterdessen geistesgegenwärtig begonnen den Hund mit Steinen zu bewerfen und anzuschreien, verzweifelt und wütend rufe ich den Schäfern zu “HELP US!!! und schreie nun als letzte Verzweiflungstat den Hund an, der nur wenige Meter entfernt ist. Zu meiner Überraschung scheint ihm das zumindest ein WENIG Eindruck zu machen und er drosselt endlich sein Tempo. Keuchend wie noch nie in meinem Leben zwinge ich mich weiter den Berg hoch und bemühe mich, nicht vor anstrengung ohnmächtig zu werden. Meine eiskalte Hand hält noch immer einen faustgroßen Stein umklammert, der bei der Abwehr des Tieres helfen sollte. Wir zwingen uns weiter zu gehen, der Hund behält uns immer noch im Visier und erst nach ein paar weiteren Minuten setzen wir uns und verschnaufen mit Blick auf die Herde. Als wir endlich über den Kamm blicken können, liegt er vor uns. Majestätisch ragt aus der Ebene ein gigantischer Felshaufen empor. Die Form entspricht der eines Prototyp-Berges, wie man ihn als Kind malt. Gleichmäßig ansteigend zu allen Seiten, ab der Hälfte mit Schnee bedeckt. Das nwissen wir von der Anfahrt nach Dogubayazit, denn sehen können wir den Berg nicht. Er hüllt sich beinahe gänzlich in weiß-graue Wolken. Wer nicht weiß, was sich dahinter verbirgt vermutet nichts Spektakuläres.

Müde und kreidebleich schmunzeln wir über die ausbleibende Belohnung, war dieser Anblick die Begegnung mit dem Hund wert? Wir steigen mit weichen Knien erschöpft ab.
Am nächsten Tag informiere ich mich über die kurdischen Kangals: sie haben die höchste Beißkraft unter Hunden, erlegen Wölfe und nehmen es sogar mit Bären auf, sind eigenständig und dazu gezüchtet selbstständig die Herde gegen Angreifer zu verteidigen, dabei setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Besonders wachsam seien die Tiere in der Dämmerung. In Teilen Deutschlands dürfen die Tiere erst nach einer Wesensprüfung überhaupt gehalten werden. Wir sind nochmal erleichterter unversehrt davon gekommen zu seien, und versprechen uns Schafsherden von nun an großflächig zu umgehen.

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