Ich drücke das Gaspedal auf Anschlag durch doch der Van bleibt auf der Stelle. “Du gräbst dich ein” gibt Julie das Offensichtliche zu Bedenken. Ich lasse uns rückwärts wieder die steile Piste hinabrollen. Glücklicherweise gibt es bei der letzten Kehre so etwas wie eine Anlaufbahn an der wohl schon andere Fahrzeuge ausgeholt hatten. Julie nimmt die vollen Wasserkanister und steigt aus, geht die Straße etwas hinauf um zu schauen wie es weitergeht. “Hier oben ist es wohl weniger steil” höre ich und starte den zweiten Versuch etwas leichter und mit mehr Anlauf. Dass wir dieses Mal drüber kommen verhindert nicht, dass mein Herz immer weiter in die Hose sackt. Es ist schon inmitten der Dämmerung und wir sind immer noch irgendwo im Hajar-Gebirge auf einer unglaublich steilen und gewundenen Schotterpiste unterwegs.

Auf Google Maps hatte wenige Stunden zuvor alles viel einfacher ausgesehen. Der Bergstraße 20 km folgen bis zu unserem gewählten Ziel, dem uns empfohlenen Snake Canyon unlängst des Dorfes Badi Seet, der auch Klettermöglichkeiten bieten sollte. Spätestens als am Shorfet Al-Alamein Pass auf 2000 hm die Teerstraße in eine Schotterpiste übergegangen war hätte ich jedoch skeptisch werden sollen. Vielleicht hätte ich auch Julies: “Bist du sicher, dass das der Weg ist?” oder die Tatsache, dass sie sich ein paar Minuten später weigerte weiterzufahren ernster nehmen sollen. Mir war es lieber gewesen Kontrolle über das Fahrzeug zu haben, als aus Angst vor den Abgründen, die sich uns auftaten nur die Hände in den Beifahrersitz zu krallen. Auch hatte ich Bedenken gehabt, ob wir die gerade hinabgefahrene Steigung überhaupt je wieder raufkommen würden. Irgendwie kann das doch auch nicht die einzige Zufahrt zu den Dörfern rund um den Snake Canyon sein hatte ich mir eingeredet und so waren wir weitergefahren.

“It was a mistake” sagte ich später einem der Dorfbewohner, den wir um den Rat zur Weiterfahrt angesprochen hatten, worauf dieser mir sehr zustimmend die Hand schüttelte. Ob wir nun aber weiterfahren oder umkehren hätten sollen, konnte er uns auch nicht richtig beantworten. “No problem” hieß es zeitweise, dann aber auch “Only first gear, second gear: problem, when car hot stop”, doch so fuhren wir abermals weiter.

Immer weiter hinab um unglaubliche enge und steile Serpentinen, wie man sie in Europa nirgends findet. Auf einer Schotterpiste, die zeitweise in reinen Fels überging. Manche Streckenabschnitte waren so schmal und schräg, dass Julie sich in die Mitte des Fahrzeugs lehnte aus Angst es würde über die Seite den Abhang hinabkippen. Die unglaublich tollen Aussichten über das Hajar Gebirge konnten wir aufgrund des Adrenalins kaum genießen. Immer mal wieder hielten wir an an um die Straße vorher abzulaufen. Teilweise blieb das Fahrzeug dabei nur mit eingelegtem Rückwärtsgang plus voll angezogener Handbremse an Ort und Stelle. Immer mal wieder ließen wir auch etwas Unterboden und Auspuff am Straßenbelag zurück, wenn eine Kante doch zu steil gewesen war.

Wie zur Hölle sollen wir hier wieder rauskommen, wenn selbst bei dieser vergleichsweisen geringen Steigung die Reifen durchdrehen? denke ich mir und stelle mir alle möglichen Horrorszenarien vor als es um uns rum immer dunkler wird. Wir müssen wie schon zuvor immer mal wieder Gegenverkehr ausweichen. Die Blicke, die uns dabei von den Familien der Einheimischen aus den vollbesetzten Geländejeeps erreichen wissen wir nicht so recht zu deuten, aber sie grüßen immer ziemlich freundlich. Keiner bestürmt uns mit der Frage, was wir hier eigentlich machen, was wir zumindest mal als ein positives Zeichen werten. Vielleicht ist es aber auch einfach nur Höflichkeit. Wir wollen noch weiter bis zu einer Stelle, bei der wir übernachten können um wenigstens das Tageslicht auf unserer Seite zu haben. Auch sehen die Steigungen bei Dunkelheit noch gruseliger aus. Es kommen wieder extrem steile Stellen. Wir laden die Wasserkanister nochmals aus aus Angst zu schwer / zu schnell zu sein. Ich will beim Anfahren auf keinen Fall zu viel Gas geben aber auch mit eingelegtem ersten Gang die Motorbremse mitnutzen und so würge ich vor der Kante den Motor noch drei Mal ab. Wir haben beide richtig Schiss kommen jedoch abermals heil weiter unten an. Nach einigen weiteren Serpentinen erreichen wir dann doch noch einen netten Stellplatz an einem Flußbett unlängst von unserem Ziel, wo wir die Nacht verbringen wollen. Hier gibt es sogar gutes Internet und so hoffen wir etwas aufgemuntert, dass wir schon noch irgendwie einen Weg heraus finden würden.

Der nächsten Tag ist bestimmt durch das Staunen über die schöne Natur einerseits und dem beklemmenden Gefühl hier festzustecken andererseits. Wir versuchen es zu verdrängen in dem wir die tollen Canyons am Weg erkunden. Jedes Mal wenn ich aber sehe, wie sich die Geländejeeps die Straße vom Tag zuvor hinauf schlängeln wird mir wieder flau im Magen, schließlich sind die alle viel leichter und haben Allradantrieb. Dabei wird es nicht viel besser, als wir uns näher mit der Route heraus befassen. Die von uns zurückgelegte und noch zurückzulegende Straße wird im Internet als “4×4-Adventure: Best Offroad Driving in whole Oman or maybe the Middle-East” beworben. Dabei erzählen die Reisenden begeistert, wie schwierig und gruselig die Straße zu befahren sei. Auch die haben aber alle ein Geländejeep.

Wahrscheinlich war es unter den Top 5 der dümmsten Sachen, die wir bis jetzt in unserem Leben so gemacht hatten beschließen wir. Selbst ein Abschleppdienst hätte ziemliche Schwierigkeiten uns über die steile Straße wieder herauszuziehen. Sollten wir es doch schaffen beschließen wir aus Dank an das Schicksal jeder 25€ / Monat zusätzlich zu spenden. Wir beschließen aber auch die Gegend erst einmal zu genießen schließlich saßen wir nun eh erstmal fest. Außerdem wäre es wohl besser so viel Vorräte wie möglich aufzubrauchen um leichter zu sein. Auf unserer Erkundungstour entdecken wir dann noch fließend Wasser, Kühlschrank und Snackschrank waren vom Einkauf am Tag zuvor noch voll und so richten wir uns erst Mal in unserer Situation ein.

Wir verbringen einige Tage am Snake Canyon und erkunden diesen von allen Seiten, gehen Klettern und entdecken das kleine malerische Gebirgsdorf Badi Seet, das inmitten der kargen Landschaft eine grüne Oase bildet. Für Erfrischung sorgen enge Felsschluchten mit kühlen Wasserfällen und natürlichen Becken. Alles in allem ist das Gebiet einer der Höhepunkte unserer Oman Reise und wenn wir nun feststecken würden, hätte es sich wohl auch gelohnt.

Als wir uns noch länger mit der Route beschäftigen, YouTube Videos von den Offroad-Adventuren anschauen gibt es aber dann doch noch einen Lichtblick: Anscheinend liegt das schwerste Stück der Straße hinter uns. Vor uns sollte noch etwas Piste liegen, aber es sollte hauptsächlich noch ein paar 100hm weiter bergab bis in ein Flußbett gehen, was dann aus dem Tal herausführen sollte. Das beruhigte wenigstens unsere größte Angst, an einer steilen Kurve stecken zu bleiben und rückwärts den Berg hinabrollen zu müssen um neuen Schwung zu holen, bzw. zu schwer zu sein um die Steigung überhaupt zu packen. Auch würde es bedeuten, wir müssten über eine solche Straße keinen 2000hm Pass mehr erklimmen.

Am 4. Tag laufen wir die noch zu fahrende Strecke ab und schauen uns die schwierigen Stellen genau an. Nichts, was wir nicht auch schon hinter uns gelassen hatten beschließen wir. Die einzige kritische Stelle war eine längere steile Sequenz, wo wir besser nicht stehen bleiben sollten. Mit geleerten Vorratsschränken und leeren Wassertanks machen wir uns also am Folgetag auf zur Weiterfahrt. Julie geht ans Ende der kritischen Stelle um etwaigen Gegenverkehr aufzuhalten. Ich fahre mit viel Schwung über die Anstiege und schlussendlich schaffen wir es bis zu dem Flußbett, das bald wieder in eine geteerte Straße überging. Mashallah! Wir hatten mal wieder unverdient viel Glück.

7 Replies to “2023-04-01 Eine uninformierte Entscheidung im Hajar Gebirge”

  1. Alter Schwede, da ist mir ja nur vom Lesen ganz anders geworden.. Erfüllt auf jeden Fall alle Kriterien um als “Abenteuer” durchzugehen 😉

  2. Nach dieser Stecke solltest Ihr das Fahrzeug mit all seinen Eigenheiten beherrschen.
    Auf jeden Fall Glück gehabt; freut mich.

  3. Was für ein Abenteuer, das kann man gar nicht auf einmal alles lesen, wie man das zu Zweit aushält, da hilft ja nur zusammenhalten, die Landschaft, die sich hinter dem ganzen verbirgt. ist auf jeden Fall grandios

  4. Ist dieser Bericht Münchhausenlike oder wahr? Ich bekreuzige mich und danke Gott!!! “Bus verreckt” könnte man ja überleben, aber “Bremsen futsch, Umkippen, Abstürzen etc. ” wäre schon eine Katastrophe!Gut, dass ich das erst jetzt erfahre, mein Adrenalinspiegel kippt… Langsam beginne ich mir ernsthaft Sorgen zu machen um euch! Trotz allem: ihr behält Verstand und Nerven in Krisen und manövriert euch wieder heraus. Darüber bin ich heilfroh und gratuliere euch zu diesem Abenteuer. Es möge das letzte dieser Art sein!

  5. Das ist pures Abenteuer!!!
    Super, dass alles gut verlaufen ist.
    Dafür gab es dann auch eine ordentliche, landschaftliche Belohnung;)
    Wunderschön!!!

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