Ein Gastbeitrag von Julie
Blitz und Donner hatten nachgelassen, es hatte wieder aufgehört zu hangeln und regnete nur noch leicht, das Trommeln auf dem Dach verbreitete gemütliche Stimmung im Bus. Phil programmierte ich schrieb auf dem Bett liegend Tagebuch und schaute aus dem Fenster ins Dunkle, wo sich auf dem leeren Picknickplatz in Tanomah, auf dem wir standen, die Scheinwerfer eines Autos näherten. Mir lief ein Grinsen übers Gesicht, als das Auto knapp zwei Meter neben uns zum Stehen kam und unsere zwei arabischen Freunde mir darin zum Gruß die Hand hoben. Es war der dritte Besuch, den wir heute von ihnen bekamen und bis vor Kurzem hatten uns die sich uns nähernden Autos abwechselnd geärgert und geängstigt. Hektisch klopfen die zwei an, ein nasser Yasir stieg in den Bus und fragte, ob er uns ein Hotel reservieren solle. Die knapp 20 Grad mit Regen stellten für die zwei Saudis tiefsten Winter dar, sie waren ehrlich besorgt, dass wir… erfrieren? oder Ähnliches. Wir waren unterdessen ganz froh, dass es abends abgekühlt hatte. Nachdem wir wieder einmal versichert hatten, dass alles in Ordnung war, bekam ich noch einen Kaugummi zugesteckt, dann verabschiedeten sich unsere zwei “Freunde”, die den Weg zu uns außerhalb der Arbeitszeit auf sich genommen hatten.
“Achte Mal auf das graue Auto, ich glaube wir werden verfolgt” meinte Phil als wir in Serpentinen das Al Baha Hochplateu hinunterfuhren. Paranoia war ja sonst nicht so sein Ding. Es war der zweite Rastplatz innerhalb weniger Minuten, auf dem wir gehalten hatten um die Affen zu fotografieren und auch diesmal setzte sich gemeinsam mit uns der silberne Kleinwagen, der am Rand der engen unübersichtlichen Straße stehen geblieben war, in Bewegung. Es gab absolut keinen anderen Grund mitten auf dieser Bergstraße stehen zu bleiben als den auf uns zu warten. Um die zwei Stunden hatten wir also dieses Auto hinter uns, das in einem Tempo, in dem hier maximal Touristen fahren, dieselbe Route nahm wie wir. Schließlich schien es unserem Verfolger zu dumm zu werden, wenig später waren wir uns jedoch einig, dass wir nun ein anderes Auto hinter uns hatten. Dieses begleitete uns bis zur beeindruckenden Stadt Tee Ayn, wartete geduldig, bis wir alles besichtigt, Wasser nachgefüllt und Fotos mit den Locals gemacht hatten, deutete einem anderen Saudi gegenüber beiläufig auf uns und verschwand von der Bildfläche. Während wir also in der Dämmerung Richtung eines uns von der iOverlander app empfohlenen Stellplatz mit Aussicht fuhren, folgte uns dezent ein Auto mit etwas Abstand wieder hinauf in die Berge. Mittlerweile war es stockdunkel, die Situation ziemlich offensichtlich und ebenso unangenehm. Nachdem wir ungesehen nach einerKurve auf eine Piste abgebogen waren, blieben wir stehen und stellten Licht und Motor aus. Als wir nach einigen Minuten weiterfuhren, stellten wir erleichtert fest, dass wir wieder alleine waren. Hier oben war kein Internetempfang und wir nächtigten alleine und freuten uns am nächsten Morgen über die atemberaubende Aussicht. Als Phil dann jedoch per Whatsapp von unserem vorherigen Gastgeber gefragt wurde, ob es uns gut gehe und wo wir denn seien und wir auf dem nächsten Aussichtsplateau ein Auto entdeckten, das stundenlang und schließlich auch über Nacht so parkte, dass wir uns gegenseitig sehen konnten waren wir uns sicher: wir wurden systematisch verfolgt und unsere Verfolger schienen zu wollen, dass wir das nicht bemerkten. Ein wenig zumindest. Das machte insbesondere in Anbetracht dessen, dass wir uns dem jemenitischen Grenzgebiet näherten, und uns bereits in der Azir-Region befanden, in der Reisewarnung herrscht (wie wir irgendwann bemerkten) ein unwohles Gefühl.
Ok. Um ehrlich zu sein, hatten wir nach einiger Zeit auf iOverlander gelesen, dass immer wieder Touristen in dieser Region Begleitung durch die Straßenpolizei bekamen, sonst wären wir ja auch zur Polizei gegangen. Da uns aber nur wenige Tage zuvor ein kleiner Faux-pas passiert war und wir unabsichtlich durch Mekkah gefahren waren, was für nicht-Muslime strengstens, ja sogar bei Todesstrafe, verboten ist und dies garantiert auch auf den Verkehrskameras aufgezeichnet war, waren wir froh wenig Kontakt zur Polizei zu haben.
Es war in etwa beim vierten Auto, das uns verfolgte, dass wir begannen uns zu fragen, ob dies denn mit der Polizeikontrolle kurz nach dem Eintritt nach Azir zu tun hatte, bei der wir aus uns unerklärlichen Gründen aufs Revier kommen mussten, wo wir freundlich mit Wasser versorgt und unsere Pässe kopiert wurden, nur um dann wieder gehen zu dürfen. Jedenfalls schien das Ganze irgendwo zentral organisiert zu werden, es folgten uns nun schon mehrere hundert Kilometer verschiedenste Autos und selbst wenn wir sie abgehängt hatten, hatten wir dann doch bald wieder ein Neues in Schlepptau.
Tag eins waren wir irritiert, Tag zwei war aufregend, Tag drei lächerlich aber dann waren wir wirklich genervt. Mittlerweile standen wir in Tanomah auf einem Picknickplatz und gingen dort klettern, stündlich schaute ein Auto nach uns, das dann ein kurzes Video machte und wieder umdrehte. Ein anderes stand überhaupt seit zwei Tagen 50 Meter entfernt, der Fahrer saß den ganzen Tag im Auto und filmte uns regelmäßig kurz. Als mal wieder ein neues Auto auf dem riesigen, leeren Platz in unsere Richtung steuerte, muss man uns die Wut schon angemerkt haben. Wir wurden freundlich begrüßt, wie immer gefragt woher wir kommen und insbesondere wie wir weiterfahren. Dieses Spiel kam uns mittlerweile kindisch vor und so fragten wir direkt, ob sie denn den anderen Aufpasser, der nach wie vor 50 Meter weit entfernt stand, kannten und warum uns so viele Leute beobachteten. Wie gewohnt wurde alles abgestritten, die Leute seien rein zufällig hier, dann wurden wir wieder einmal eingeladen. Wir dachten mitttlerweile aber nicht mehr im Traum daran, unsere Kletterpläne gemäss unseren Aufpassern anzupassen, das letzte Mal fühlten wir uns danach direkt ausspioniert. Da Yasir und Said aber hartnäckig waren, brachte sie uns Abendessen – es gab Kapsa, wie so oft in Saudi-Arabien. Gemäß der Sharia dürfen fremde (also nicht verwandte) Männer nicht mit anderen Frauen speißen, wenn sie ihre eigenen Ehefrauen nicht dabei haben. Kurz stand die unausgesprochene Frage im Raum, ob ich denn nun alleine im Bus esse, was Phil dankenswerterweise direkt ausschloss. Die zwei Saudis schienen damit leben zu können, dieses Gesetz beim Picknick im Freien zu brechen, so wurde ich kurzerhand zur “sister” um die Umstände nochmals zu klären. Uns wurde Trinkwasser gebracht, wir wurden mit Tee versorgt, das Kapsa reichte bis zum nächsten Tag, wo wir erneut Kapsa, und dann am Tag darauf Frühstück geliefert bekamen. Sämtliche Erklärungen, dass es uns gut gehe und wir uns selber versorgen könnten wurden hierzu ignoriert. Der angenehmste Nebeneffekt war jedoch, dass seit unserem ersten Gespräch alle anderen Aufpasser verschwunden waren.
Nach etwa einer Woche verließen wir das Klettergebiet, wurden noch kurz von einem Inkognito-Said begleitet und hatten dann ein neues Auto hinter uns, in diesem Fall eine ausgesprochene Schrottkarre, die nicht aussah, als wäre sie noch verkehrstauglich. Wir fuhren weiter durch die Bergoase und ließen das Hochplateau mit 18 Prozent Steigung, auf dieser Straße zwei Aufpassern, und schmorenden Bremsen hinter uns. Bei Rijal Alma übernachteten wir auf dem Spielplatz und hatten beinahe Mitleid mit dem Auto, das die Nacht ebenfalls auf dem Parkplatz verbrachte. Dann gelang uns ein Geniestreich und wir fuhren mit der Fähre einige Tage auf die Farasan Inseln. Hierhin folgte uns niemand und hier ereignete sich direkt die einzige Situation, in der wir uns einen Aufpasser gewünscht hätten: an einem traumhaft schönen Strand wurden wir, wie so oft, von der Küstenwache kontrolliert und wohl für touristisch genug befunden um stehen bleiben zu dürfen. Die gerade ankommenden Jungen aus dem Fußballverein wurden weitergeschickt. Einer der Wachleute reichte auch mir als Frau die Hand, was Muslimen eigentlich nicht erlaubt ist. Aus Höflichkeit schüttelte ich diese auch, woraufhin der Wachmann ein recht falsches Bild von uns bekommen haben dürfte, und mir gegenüber so aufdringlich wurde, dass sich Phil mit Körpereinsatz vor mich schieben musste, und mir bereits den Schlüssel in die Hand gedrückt hatte, damit ich mich im Auto einsperren konnte. Insgesamt eine äußerst unangenehme Situation. Für die nächste Kontrolle blieb ich 30 Meter entfernt stehen und Phil wimmelte freundlich aber bestimmt die Forderung ab, mich für die Kontrolle auch herzuholen. Das wurde dann akzeptiert.
Wieder auf Festland waren wir erst einmal “frei”, schauten uns ganz alleie Wadi Lejab an, wo uns die Polizei auf dem Rückweg abpasste, freundlich bei der Wegfindung half und direkt Begleitung organisierte, während sie uns die ersten 30 Minuten selbst eskortierte. Wir bewegten uns weiter in Richtung Jemen, um uns al Khefa anzuschauen. Am Militärcheckpunkt, an dem wir überraschend wieder alleine ankamen, wurden wir zum ersten Mal aufgeklärt, dass wir gleich eskortiert werden würden. Man brachte uns in ein Restaurant und führte uns zum für uns ausgewählten Schlafplatz vor einer Moschee. Hier waren wir für die Eskorte wegen der geltenden Reisewarnung dankbar. Am nächsten Morgen waren zwei Autos für die Weiterreise zur Stelle, wir bekamen Frühstück und unser Aufpasser gab sich in al Khefa als Fremdenführer zum Besten und erzählte mittels Google Translator, was er über die Stadt wusste. Immerhin zahlten wir auch hier nur mit unserer Privatsphäre. Durch strömenden Regen wurden wir im Schneckentempo weitergeführt und seinem “Freund” einem weiteren “Tourist Guide” übergeben. Noch eine Stunde Eskorte Richtung Riadh, bevor wir wieder auf uns alleine gestellt waren und bald mit 70 km/h hunderte von Kilometern durch die Wüste tuckerten, weil wir nicht mit 400 Kilometer Weg ohne Tankstelle gerechnet hatten. Ein Schild mit einer Vorwarnung wäre uns durchaus entgegengekommen – trotz Wüste gibt es in Saudiarabien sonst nämlich alle paar Kilometer eine Tankstellen, es ist lediglich die neue Route mit Grenze Richtung Oman, die noch wenig bzw. keine Infrastruktur hat.
Saudische Gastfreundschaft war aber nicht nur unsere Eskorte. Wir bekamen vielfach Wasser, Brot, Eier und Tee geschenkt, wurden eingeladen, Leute übersetzten geduldig für uns, halfen beim ein-und ausparken, wollten Fotos mit uns machen und fragten nach, ob wir Hilfe brauchten. Als ich in der Wüste am Fahrbahnrand anhielt und Phil sich gerade erleichterte, hielt neben mir ein Abschleppwagen, der sich erkundigte, ob alles in Ordnung sei und uns sicher auch direkt mitgenommen hätte. Mit oben beschriebener Ausnahme waren alle Kontrollen äußerst freundlich bzw. mir gegenüber (nach muslimischen Maßstäben) respektvoll. Die Eskorten haben durchaus gemischte Gefühle hervorgerufen, wir waren aber überrascht, wie organisiert das Land ist, dass die Eskorten so durchgehend aufrecht erhalten werden konnten und scheinbar spontan auch allerlei Einheimische miteinbezogen werden konnten. Saudi scheint hier im Zwiespalt zu sein: Das Land setzt neuerdings auf Tourismus und erklärt das ganze Terretorium als reisesicher. Um hier negative Schlagzeilen zu vermeiden, wird der letzte Zweifel dann durch die Eskorte ausgeräumt. Für unsere Vorstellungen eine vielleicht sogar rechtswidrige Lösung, wir merkten aber, dass man es gut mit uns meinte und sind tatsächlich froh, dass uns dieser Riesenaufwand nicht in Rechnung gestellt wurde, wie es in anderen Ländern der Fall ist.
In Gesprächen mit anderen Camperreisenden stellten wir fest, dass nicht alle Individualtouristen in den “Genuss” einer Eskorte kamen. Warum dies bei uns aber so hartnäckig durchgehend der Fall war, fragen wir uns bis heute.

Wenn ich das lese, bekomme ich im Nachgang das Zittern, was für Erlebnisse, Gott sei Dank ist alles gut ausgegangen, ihr könnt nach eurer Reise ein Buch über eure Erlebnisse herausgegeben, weiterhin so viel Glück
Ja wie Julie sagt am Anfang war es unheimlich. Nachdem wir aber recht sicher wurden, dass sie uns nur “beschützen” wollen, wurde es eher nervig bzw witzig, weil sie recht schlecht versucht haben unerkannt zu bleiben.
Ich denk, ihr solltet froh sein und braucht euch nicht wundern, dass man euch überwacht und eskortiert hat. Immerhin habt ihr einen grossen Bus, in dem allerhand versteckt werden könnte, und ein deutsches Kennzeichen… Es ist Krieg zw. Saudi und Yemen…ihr könnt froh sein, nicht gekidnappt worden zu sein. Man hätte euch aber den konkreten Grund sagen sollen … was mich interessiert? Wird für diese ganzen “Hilfen” Bakshisch erwartet bzw. habt oder musstet ihr was geben?
Was für aufregende Erfahrungen ihr da macht!!!! Bye!
Ich denk, ihr solltet froh sein und braucht euch nicht wundern, dass man euch überwacht und eskortiert hat. Immerhin habt ihr einen grossen Bus, in dem allerhand versteckt werden könnte, und ein deutsches Kennzeichen… Es ist Krieg zw. Saudi und Yemen…ihr könnt froh sein, nicht gekidnappt worden zu sein. Man hätte euch aber den konkreten Grund sagen sollen … was mich interessiert? Wird für diese ganzen “Hilfen” Bakshisch erwartet bzw. habt oder musstet ihr was geben?
Was für aufregende Erfahrungen ihr da macht!!!! Bye! Auch denk ich, das Ganze ist ne willkommene und spannende Abwechslung für die Leute dort…?
Wir haben ja Leute in doppelt so großen Mobilen getroffen, die keine Begleitung hatten und auch länger in Saudi waren als wir!
Eine Gegenleistung in dem Sinn wurde nie erwartet, die Leute sind oft wirklich ohne Hintergedanken gastfreundlich – Kultur bzw. Islam schreiben das auch vor
(Julie)
Aha, interessant, dann bleibt das Rätsel ungelöst…