Gastbeitrag von Julie

Vorgeschichte

Zu meiner unverzeihlichen Schande hatte ich Phils 33sten Geburstag vergessen. Nicht, dass mir nicht klar war, wann er Geburtstag hat, ich hatte nach der Fahrt durch den Irak irgendwie nicht mehr auf das Datum geachtet und wurde also nach dem Aufstehen darauf hingewiesen, dass er heute Geburstag habe. Wir hatten ausgemacht, uns auf der Reise keine Geschenke zu kaufen, dennoch fragte ich, was er sich denn wünsche, worauf er so spontan keine Antwort wusste. Wir gingen also Essen, die Sache war schon fast vergessen, als er Wochen später erklärte, er wolle auf den Kasbek. “Das wünsche ich mir zum Geburstag” erklärte er Mitte Juni.
Wir fragten an, was eine geführte Tour denn koste und kamen zu dem Ergebnis, dass wir keinesfalls 800 Euro für gute zehn Stunden Bergsteigen ohne Unterkunft und Verpflegung zahlen würden, wir wollten es auf eigene Faust probieren. Da der Kasbek jedoch ein Gletscher mit reichlich Spalten ist, war es notwenig, noch weitere Mitglieder für eine Seilschaft zu finden, das Risiko wäre andernfalls einfach zu groß.
In Aladaglar beim Klettern trafen wir Benni in seinem Offroad-Geländewagen, er sei auf dem Weg zu Cindy und die mache ständig so krasse Sachen, sie wolle sicher auch auf den Kasbek. So verabredeten wir uns mit Benni und –  unbekannterweise – Cindy.

Nach mehreren Tagen Vorbereitung war es Anfang August endlich so weit: Phil und ich preschten von Armenien nach Stepansminda in Georgien, wo Cindy und Benni sich bereits im Klettergebiet beschäftigten. Der erste Blick auf den Kazbek von Stepansminda war beeindruckend aber auch einschüchternd. Da wollten wir hoch? Während Benni und Cindy immer noch am Klettern waren, versuchten wir zwei Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Kocher, Geschirr, Essen für drei Tage und natürlich Hochtourequippment in unsere viel zu kleinen Rucksäcke zu packen. Schließlich hatte ich einen Rucksack mit über 15, Phil einen mit über 18 Kilo, die wir erst einmal die 1400 Höhenmeter zur Hütte hinauf bringen mussten, wo wir campen würden. Die Nacht vor dem Anstieg war denkbar schlecht – vielfach ging ich nachts aus dem Bus um mich des armenischen Joghurts, das ich zu Abend gegessen hatte zu enteignen. Hier waren wohl ZU viele Probiotika enthalten. Morgens wachte ich gerädert auf und zwang mich zu frühstücken,  ich würde die Energie brauchen. Während dunkle Wolken und Donnergrollen auf uns zu kamen, machten wir uns von der Dreifaltigkeitskirche auf 2100 hm auf in Richtung Bethlemi Hütte. Wir alle spürten das schwere Gewicht beim Anstieg und brauchten über 5 Stunden inklusive Passkontrolle seitens Russland und Gletscherüberquerung, bis wir im Basislager auf 3670 hm ankamen.

Dort bauten Phil und ich unser Zelt hinter einen glücklicherweise fertigen Windschutz und genossen die herrliche, fast windstille Abendstimmung mit Aussicht. Cindy und benni machten es sich in der bethlemi Hütte “gemütlich”.

Die erste Nacht im Zelt war schlafreicher als erwartet. Es windete kaum und die Temperaturen müssen im Plusbereich gelegen habe, so konnte auch ich Frostbeule mit zwei Isomatten, zwei paar Bergsocken, warmer Leggins, Merinounterhemd, Thermoleiberl, Merinoschal, Haube, Daunenschlafsack und – am Wichtigsten – Wärmeflasche Schlaf finden. Phil unterdessen schlief wie üblich in seinem Synthetikschlafsack und kurzem Leibchen. Der Vorteil der Übernachtung im Zelt war der, dass wir nicht von den unzähligen Bergsteigern, die bereits einen Tag vor uns den Gipfel erklommen, geweckt wurden.
An Tag zwei gingen wir zum akklimatisieren auf 4200 Meter, wo wir nochmals die Spaltenbergung wiederholen wollten. Cindy hatte am meisten Erfahrung und Können – wir knoteten uns in die Seilschaft und suchten uns eine Spalte, an der wir üben sollten.

Als sie mir recht unbeeindruckt erklärte, ich sollte nun in eine Spalte meiner Wahl springen, wurde mir doch anders. Nach längerem Kontrollieren hatte ich eine gefunden. Ich fasste allen Mut und schwups – hinein.  Als ich den Seilzug spürte fielen Eiszapfen, die ich losgetreten hatte weiter hinunter ins Dunkel. Hmpf. “Julie, alles ok?” hörte ich Phil. “Wir ziehen dich hinaus, bist du bereit?” und ob! Und in wenigen Sekunden war ich draußen, lediglich die Regenhose hatte ein wenig gelitten.  Wir wiederholten den Mannschaftszug mit Benni und wollten bei Phil noch einmal die lose Rolle (eine andere Bergungsart) üben. Zack, hinein mit ihm, ich ließ die Last übernehmen und machte mich daran den toten Mann einzugraben.. das stellte sich aber schwieriger heraus als erwartet, der  Firn war hart und wurde nach einigen Zentimetern eisähnlich, jedoch in einer so schlechten Qualität, dass eine Eisschraube auch nicht gerechtfertigt war. Schwitzend und unter größtem Krafteinsatz schlug ich mich mit dem Pickel in eine gerade noch vertretbare Tiefe, schüttete Eisstücklein auf und war gänzlich unzufrieden. Das half aber nichts, wir mussten Phil aus der Spalte holen. Wir lasteten um und ich setzte mich auf mein Ergebnis, Phil hing sicher schon 10, wenn nicht 15 Minuten in Fleecejacke mehrere Meter Tief in der Spalte.

Zu Übungszwecken hatten wir das Seil nicht übermäßig gespannt und ich an zweiter Stelle weggesehen, um den tatsächlichen und plötzlichen Seilzug zu erfahren. Nun ging es an die lose Rolle und auch hier stellten wir fest, dass der Ablauf nicht war wie erwartet. Wir waren zu viert und nicht zu dritt, weshalb sich ein Denkfehler eingeschlichen hatte. Irgendwann holten wir einen frierenden Phil endlich wieder heraus und machten uns auf in Richtung Normalweg. Es war bereits 16.00, der Schnee war weich geworden und nach wenigen Metern brachen Phil und Benni zeitgleich in zwei verdeckte Spalten ein. Glücklicherweise nur Hüfttief. Im Eilschritt gingen wir durch den steinschlaggefährdeten Abschnitt. Hier gingen mit Wasserfällen aus dem Gletscher permanent auch kleine Steinlawinen ab, aktuell polierten aber auch riesige Brocken mehrere hundert Höhenmeter mit rasanter Geschwindigkeit den Hang hinunter. Erst am nächsten Tag wurde mir klar, dass die kleinen “Sinklöcher” am Wegrand mit vllt 80 cm Durchmesser Punkte waren, an denen die Steine aufgekommen und auf den wieder ansteigenden Gletscher weitergesprungen waren. Wir hatten mehr Zeit auf dem Gletscher verbracht als geplant, und waren froh, um kurz nach fünf wieder im Basislager zu sein, wo es Ramen und etliche Snacks hab. Wenigstens waren wir nun gut akklimatisiert.
Hochkalorische Snacks, Tee, Kopfwehtabletten, Kleidung, Hochoturausrüstung und Stirnlampen wurden eingepackt, die ersten Stops besprochen und der Wecker auf 1:15 gestellt. Treffpunkt zum Frühstück war 1:30 in der Hütte.

Gipfelsturm

Um 1:15 klingelte unser Wecker und bereits in Wanderkleidung stieg ich aus dem Zelt in  die Bergschuhe. Die Luft war unerwartet lau, bereits jetzt gingen zwei Gruppe von der Hütte los. Über uns erstreckte sich ein unfassbar klarer Himmel, der dem in der saudischen Wüste an Schönheit weit überlegen war. In wenigen Minuten zählten wir drei Sternschnuppen, die Milchstraße war klar erkennbar und Euphorie stellte sich ein. Wir trafen Benni und Cindy im unbeheizten Gemeinschaftsraum der Bethlemihütte, wo ich über die deutsche Gruppe, die hier um 1:30 muter Joghurt, Eier und Brot verzehrte nur staunen konnte. Ich würgte vier Esslöffel Porridge hinuter und Phil verdrückte die 1400 kcal, die für uns beide gedacht waren. Um 2:10 brachen wir auf. Die Tempertur war optimal, nach vielleicht 15 Minuten überholten wir die erste Gruppe. Wir kannten den Weg bereits vom Vortag und kamen gut voran. Vielleicht etwas zu gut. Nachdem wir auf Firn leichten Schrittes über drei breitere Spalten gesprungen waren gab Phil zu bedenken, das wir gestern an dieser Stelle bereits angeseilt gewesen waren. Er hatte völlig Recht!

Wir hatten unseren Anseilpunkt im Dunkeln verpasst und suchten uns nun auf dem Gletscher ein sicheres Stück Schnee, wo wir schleunigst anseilten. Im Dunkeln hörten wir den Steinschlag, der wohl auch nachts kein Ende nahm. Das Eis strahlte Kälte ab und innerhalb weniger Minuten zitterte ich erbärmlich, Phil schien die Kälte nichts anzuhaben. Als Leichteste und voraussichtlich langsamstes Glied der Gruppe ging ich der Seilschaft voran. Mich konnte die Gruppe am schnellsten aus der Spalte ziehen, dennoch war ich der Kälte wegen froh, als wir endlich weitergingen und konzentrierte mich völlig darauf, ein gleichmäßiges Tempo vorzugeben. Vor uns sahen wir die Lichter einer weiteren Seilschaft, wenig später gingen wir an einer Gruppe Iraner vorbei, die dabei waren sich anzuseilen. Nun lag vor uns nur noch Dunkelheit! Der Gletscher zeigte anfangs eine nur leichte Steigung, nach der Kurve auf dem Rücken wollten wir eine weitere Pause einlegen. Der Rythmus der Steigeisen und Stöcke in der Dunkelheit rief einen tranceähnlichen Zustand hervor. Nach undefinierbar langer Zeit begannen sich Bergumrisse zu zeigen und der Himmel wechselte in dunkelblau,  dann gelblich und bald orange.

Wir blickten auf ein bereits atemberaubendes Panorama und erkannten eine große Gletscherspalte am Fuße des Hangs, den wir nun zu ersteigen begannen. Der Weg wurde anstrengender und ich drosselte das Tempo, um keine Verschnaufpausen zu brauchen. Bei notwendigen Pausen versuchte ich einen der gefrorenen Müsliriegel zu essen, um mir die unbedingt notwendige Energie zu zuführen. Der Kälte wegen waren Pausen ohnehin nur zum schnellen pinkeln, anziehen oder Fotos machen möglich. Wir wechselten die Stöcke gegen den Pickel und stiegen auf immer noch gefrorenem Schnee ungleichmäßige Stufen empor. Der Weg wurde immer steiler und wir dachten, das Gipfelplateau bereits über uns zu sehen. Als wir über die Kante kletterten stellten wir ehrfürchtig fest, dass der schwierigste Teil noch vor uns lag:

vor uns bäumten sich 170 Höhenmeter 45-50 Grad (!) Steigung auf. Wir einigten uns auf eine Pause auf dem zugigen Sattel, um noch einmal Kraft und Mut zu schöpfen. “Du siehst nicht gut aus” stellte Phil mit einem Blick auf mich fest. Mir war bereits an einem “stillen” Örtchen vllt 10 Meter neben den anderen aufgefallen, dass meine Hände eine gräuliche und meine Finger eine bläuliche Färbung hatten. Fürsorglich fütterte mich Phil mit Reiswaffeln, Ausnahmsweise-Salami, Räucherkäse und Schokolade und half mir meinen Helm wieder aufzusetzen. Ich schlotterte wieder am ganzen Körper und musste mich anstrengen, meine Bewegungen überhaupt zu koordinieren. Phil schien weiterhin unbeeindruckt von der Kälte und während wir pausierten erreichten die ersten Sonnenstrahlen einen Teil des Sattels. Unser Hang lag jedoch nach wie vor im Schatten und nachdem alles gerichtet war, trat ich eiligen Schrittes den Aufstieg an. Die Kälte trieb uns an und wie Maschinen erkletterten wir die bald vereisten Serpentinen. Die Bergführer hatten hier Fixseile für ihre Gruppen angebracht, die festgefroren und rutschig waren. Vor Konzentration und Adrenalin spürten wir die Anstrengung gar nicht und dank unserer ausgiebigen Akklimatisierung auch die Höhe nicht! Die letzten Meter vor dem Gipfel wurden flacher und plötzlich lag ein schier überwältigendes Panorama vor uns: Wir überragten die Berge in alle Richtungen, sahen nach Russland, Georgien und auf etliche Geltscher und wurden lohnend von der Sonne gewärmt als wir uns mit Tränen in den Augen umarmten.

Ungläubig blickten wir auf die Uhr: wir standen um 7 Uhr trotz Viererseilschaft als Erste auf dem Gipfel. Ergriffen blickte ich um mich und bat Phil ein Video zu machen. Das könne er gleich tun, vorher wolle er aber noch etwas anderes  machen erklärte er, während er etwas in seiner Jackentasche suchte “Julie, wir haben zusammen die Wüste durchquert, sind zusammen mit den Fischen getaucht, wir sind zusammen tief gesunken und haben die Höhe erklommen, ich wüsste nicht, was jetzt noch schief gehen kann und wenn es schief geht, will ich, dass es mit dir zuammen schief geht. Mist wo habe ich ihn denn, ich habe ihn doch in die Tasche getan” sagte er seine Tasche durchsuchend.  Nach einigen weiteren Sekunden hatte er meinen Fake-Ehering für die Reise gefunden, kniete sich hin und streckte ihn mir entgegen “willst du meine Frau werden?”

Das Unwirklichkeitsgefühl des Ausblicks mischte sich mit dem Unwirklichkeitsgefühl eines ganz unvermuteten Heiratsantrags! Ja. Wir sind verlobt! Neben uns standen jubelnd Benni und Cindy, die einen guten Riecher für die Situation hatte und das Ganze begonnen hatte zu filmen. Beschwingt kletterten wir den nun nicht mehr ganz so furchteinflößenden Hang hinunter, wo bereits die deutsche Gruppe wartete und wir versuchten, ihre Mitglieder zu überzeugen, sich des Ausblicks wegen zu überwinden. Wir stiegen rasch ab, und bereits am Beginn des Steinwegs merkte ich, wie müde ich war.

Ich stolperte zur Hütte hinab, wo wir pausierten und zerstreut und matt unsere Sachen packten. Mit  unseren nach wie vor schweren Rucksäcken (diesmal trugen wir auch das Seil) stiegen wir die weiteren 1400 Höhenmeter zum Bus ab, wobei wir vor Erschöpfung drei Pausen machen mussten. Selten war uns ein Abstieg so lange und beschwerlich vorgekommen. Endlich beim Bus angekommen, kochte ich uns etwas und wir fielen ungläubig nach einem 20-Stunden-Tag mit 14 Stunden Bergsteigen ins Bett. “Willst du eigentlich noch einen richtigen Ring?” Fragte Phil mich am nächsten Tag.

6 Replies to “2023-08-13 5000 hm und mehr”

  1. Liebe Julie,
    das ist ja ganz großes Kino, erst der sehr eindrückliche Bericht mit super schönen Fotos über die Besteigung des Kasbek, eine wahnsinnige Leistung, ich bin sehr beeindruckt und dann der Heiratsantrag auf dem Gipfel und du hast “Ja” gesagt nach den ganzen Strapazen, ich bin sehr gerührt und meine allerherzlichsten Glückwünsche für euch beide, ich freue mich sehr. Wünsche euch bei eurer Heimreise ein schönes Ausklingen.
    Angelika

  2. Diese Story toppt alles Bisherige!
    Ich kann euch zu allem nur herzlichst gratulieren und hoffen, dass ihr unbeschadet heim kommt!
    Gottes Segen und Beistand habt ihr ja bis jetzt gehabt, das möge so weiter andauern. Ich freu mich über all die tollen Abenteuer, die, ihr erleben durftet und darüber, dass es immer gut ausgegangen ist. Das ist nicht selbstverständlich, besonders bei solchen Bergen. Höher hinaus solltet ihr nicht mehr klettern…Ganz herzliche Grüße, Deine Ma

    1. Vielen lieben Dank, da hat Phil wirklich einen einzigartig guten Moment gewählt 🙂
      Mit so viel Romantik hatte ich absolut nicht gerechnet!
      Liebe Grüße aus der Nordtürkei

  3. Liebe Julie, lieber Phil,
    zuerst mal gratuliere ich euch zur Kasbekbesteigung – eine wirklich großartige Leistung – mit so atemberaubenden Fotos und einem so spannendem Bericht!
    Genial!!!
    Und dann noch der unglaublich romantische Heiratsantrag.
    Phil, das war einzigartig von dir!!
    Diesen Moment wird Julie bestimmt nie und nimmer vergessen.
    Von Herzen wünsche ich euch noch ganz ganz viele gemeinsame Abenteuer – momentan noch ledig – und dann verheiratet🥰💕🥰
    Alles LIebe und viel viel Glück für euren gemeinsamen Lebensweg🍀🍄🍀

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