Gastbeitrag von Julie

Etwas war anders als sonst, ja geradezu merkwürdig. Wir machten wieder einmal einen Chilltag im Bus, wie wir es in Georgien öfters taten doch Phil saß nicht wie gewohnt am Esstisch hinter dem Computer, sondern werkte im Freien. Irgendewann erschien sein strahlendes Gesicht in der Schiebetür. “Ich muss dir etwas zeigen” verkündete er verheißungsvoll und führte mich hinaus. Wenige Meter vom Bus entfernt hatte er die Plane mit einem Wanderstock zu einer Art notdürftigem Zelt aufgerichtet und darunter den Biwaksack gelegt. “Na, was sagst du dazu?” Als mir dazu nichts einfallen wollte, was seiner Euphorie gerecht wurde, erklärte er “damit sparen wir 900 Gramm Gewicht, weil war das Zelt nicht tragen müssen”. Das schien mangelnden Mückenschutz, Regenschutz sowie Platz für unsere Ausrüstung bzw. um sich im Schlafsack umzudrehen wohl wert zu sein. Meine Euphorie schien wohl auch deswegen nicht ganz aufzuflammen, weil ich das Zelt ja auch gar nie getragen hatte…
Am nächsten Morgen ging es also pünktlich um halb 8 los in Richtung der Kuruldi Seen, von dort wollten wir weiter auf den nächsten Gipfel und über einen Grat zu unserem Zeltplatz auf etwa 3000 Meter. Bereits morgens war es fast 30 Grad heiß, die Sonne brannte vom strahlend blauen Himmel doch wir erreichten schnell unseren ersten Pausenplatz. Als wir eine Gruppe von etwa 30 Chinesen (?) überholten, die die ersten 600 Höhenmeter mit dem Geländewagen hinaufgefahren worden waren, fragte ich beiläufig, wie viele Höhenmeter wir denn heute machten. Ich hatte bei der Routenplanung wohl wieder einmal nicht aufgepasst und kam kurz ins Straucheln, als Phil mit “2200” antwortete. Dennoch ging es bis zu den wenig spektakulären “Seen” rasch weiter, zu unserer Überraschung bzw. Enttäuschung fanden sich hier keine Bäche, an denen wir Wasser hätten auffüllen können; die Seen waren eher kleine Schmelzwasserteiche.


Wir aßen unbeeindruckt und zufrieden ein spätes Mittagessen (auf der anderen Seite würde es schon Wasser geben) und beobachteten russische Touristen, die mit Geländewagen bis zu den Seen auf 2900 Meter Höhe gefahren wurden. Der Weg wurde von nun an schmaler und verlor sich hin und wieder im Schieferschotter, bald standen wir vor einem steilen Schneefeld, das seitlich hinunter direkt in den Abhang führte. Mit unseren steigeisenfesten Schuhen, jeder mit einem Grödel und einem Stock ausgerüstet, setzten wir 3, 4 Schritte in den harten Schnee. Als ich trotz allem ins Rutschen kam, beschlossen wir das Feld zu umgehen. Mühsam kämpften wir uns den feinen Schotter hinauf und rutschten bei jedem Schritt wieder bergab. Ein weiteres, weniger steiles Schneefeld konnte nicht umgangen werden und brav spurte Phil Tritte in den harten Schnee. Ein weiterer Wanderer war von der anderen Seite aufgestiegen und bereits vor uns auf dem Gipfelgrat. Glücklich erreichten wir wieder den Weg, der nicht viel mehr als eine Rinne im scharfsplittrigen Schiefer war. Die einzelnen Steine waren wenige Zentimeter lange und machten den Eindruck, als würden sie sich nur allzugerne zu einer Steinlawine vereinen. Als es steiler kaum mehr werden konnte, verlor sich der Weg. Wir befanden uns mittlerweile in einem Gelände, das mich nur mehr hoffen ließ, dass wir auf der anderen Seite absteigen könnten. Zwischen dem Schotter lugten nun größere Brocken hervor, an denen man gut hoch klettern hätte können, hätte man nicht bei jedem Griff direkt ein Stück Felsen gepflückt und bei jedem Tritt zittern müssen, ob er nicht gleich nachgebe. Einmal hatte Phil bereits umständlich rückwärts wieder abklettern müssen, ich stand unterdessen verkrampfter als in jeder Kletterwand aus Angst gleich den gesamten Berg hinunterzurutschen. Diese Vorstellung war äußerst unangenehm – etwa 200 Meter steilem, scharfen Schieferschotter folgte ein ebenso steiles Scheefeld, welches dann über eine Kante ins Nichts führte. Wir quälten uns voll Angst zwischen losen Felsen auf allen Vieren in Richtung Gipfelgrat und hofften das Beste. Innerlich war ich gerade dabei eine gepflogene Moralpredigt für Philipp vorzubereiten, der diese Tour als “ohne Weiteres machbar” eingestuft hatte, als uns auf dem Grat über uns ein Jogger erschien.

Der Mann, etwa Mitte 50, war hier ohne Rucksack in Tanktop, Jogginghose und Turnschuhen unterwegs. Seine Statur ließ nicht darauf schließen, dass es sich um einen Extremsportler handelte. Beschämt kämpften wir uns die letztem Meter ihm entgegen und notierten innerlich, dass man hier wohl nicht so zimperlich war, was die korrekte Bergausrüstung betraf. Hatte ich früher doch gerne über die chronisch übermäßig ausgerüsteten Deutschen mit ihren Sportsonnenbrillen, Trinkblasen und Trekkinghosen geschmunzelt, kam ich mir nun zum allersten Mal in meinem Leben selber “overequipped” vor. In meinen Kategorie-C-Schuhen Schuhen mit Grödel und Stock dachte ich wehmütig an die gepflegten, ausgetretenen Wege der Alpen als ich einen großen Schluck Wasser aus Phils Trinkblase nahm.
Der Gipfelgrat erwieß sich als leichter begehbar als die von uns gewählte Variante und über dem Gipfelkreuz wurden wir mit einer berauschenden Aussicht auf den Ushba belohnt.

Der Jogger lehnte den Schokoriegel, den wir selber von der Polizei geschenkt bekommen hatten ab, und wir überlegten essend, wie wir denn wieder von diesem Berg kämen. Der Grat auf unserer geplanten Route war schneeüberwächtet und daher viel zu riskant, es blieb uns nur der Abstieg über den Anstieg. Überraschenderweiße war dieser nun ohne unsere “Variante”deutlich besser und schneller begehbar und wir waren bald wieder an dem Schneefeld, das uns den Aufstieg verwehrt hatte. Nun war der Schnee weicher und wir wagten die Querung wieder mit je einem Stock und einem Grödel, uns folgte eine Wanderin, die umgekehrt war und nicht wusste, wo sie absteigen sollte, in Berglaufschuhen. Wir konnten kaum hinsehen, als sie vorsichtig in unsere Spuren tappte, anstatt die Stufen weiter zu schlagen. Als wir Ausrüstung anbieten wollte, lehnte sie ab.
Schließlich waren wir heil wieder an den Kuruldiseen auf 2900 Meter angekommen und beschlossen hier zu biwakieren. Eigentlich hätte wir auch noch absteigen können, es war erst vier Uhr Nachmittags und das Wetter war gut. Nachdem wir aber die ganze Ausrüstung schon auf den Gipfel geschleppt hatten, meinten wir, sie auch verwenden zu müssen.
Um nicht zu frieren, bettete ich mich in Merinounterhemd, Thermoleiberl, Fleecejacke, Daunenjacke, Leggins,Wanderhose, zwei paar Bergsocken, Haube und natürlich meinen Daunenschlafsack. Die Wärmeflasche brachte den Schweiß zum ausbrechen und während wir eingemummt auf die Dunkelheit warteten, um endlich schlafen zu können, begann ich umständlich im Biwaksack meine Schichten wieder auszuziehen. Die Nacht war nicht so kalt wie erwartet, obwohl die Ränder des Schlafsacks feucht vom Tau wurden und der Biwacksack von unten nicht wasserdicht war. Wir hörten nachts die Pferde um die Seen galoppieren und fragten uns, wo bei uns Tiere so frei leben können. Endlich wurde es Morgen, wir genossen nochmal das Wahnsinns Panorama und stiegen rasch ab, da wir kein Wasser mehr hatten.

Im Nachhinein stellt sich also die Frage – hat jemand Interesse an einem kaum gebrauchten Biwaksack für zwei Personen (Salewa)? Absolut wasserdicht.

2 Replies to “2023-07-01 Koruldiseen: Philipps Suche nach dem leichtesten Zuhause”

  1. Wenn ich die Bilder so betrachte, ist Georgien doch das ” schönste” Land der Welt, wieder einmal eine sehr spannende Geschichte, die ihr da erlebt habt, für gibt es nichts Schlimmeres als schräge Schneefelder

  2. Gott sei Dank erfahre ich das wieder einmal erst im Nachhinein, sonst hätte ich mich gesorgt. Den Grat schreibt man immer noch mit t, … und so sende ich Euch herzliche Grüße aus dem 35 Grad heissen Mexiko!!

Leave a Reply to Allschlamp Cancel reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *