Unser Kaukasus Aufenthalt beginnt mit einer berühmten 4 Tages Wanderung von Mestia nach Uschguli. Wir freuen uns darauf mit einer Zeltwanderung mal wieder etwas Anderes zu machen. Auch deshalb, weil das ganze Zeug schon seit 10 Monaten in unserem Kofferaum im Weg liegt und wir es bis jetzt nicht gebraucht haben. Wir fühlen uns über-fit und packen nur für 3 Tage Essen ein, verbringen aber bereits am ersten Tag recht viel Zeit damit, uns zu organisieren, Bus sauber zu machen, abzustellen etc., so dass wir reichlich spät erst am Mittag loskommen.

Die Tour ist beliebt führt uns jedoch vorbei an gewaltigen Aussichten auf 4000er bis 5000er, wie dem Ushba (dem “Schrecklichen”, den wir noch öfter sehen sollten), sowie den Tetnuldi und seinem Gletscher. In den Tälern kommen wir vorbei an winzigen Dörfern, wo die Bauern allem Anschein nach, noch sehr ursprünglich leben. Wie überall in Georgien kommen uns stets, Kühe, Pferde, Schweine und Hunde entgegen. Man hat aber zwischenzeitlich auch den Tourismus für sich entdeckt und überall werden Gästezimmer, Kaffee, Tee und “Traditional Georgian Food” angeboten. Das war natürlich nichts für uns wir schleppen schließlich nicht umsonst Zelt und Instantnudeln durch die Gegend.

In unserer Tourenbeschreibung ist von einem gefährlichen Fluß die Rede, den man wohl am besten mit dem Pferd durchschreiten solle. Wir lächeln über diesen Hinweis. “Ein Pferd nur um einen Fluß zu durchschreiten? Das ist wohl was für die ganzen Sonntagswanderer, die wir auf dem Trek überholen”. Das Lächeln vergeht uns, als wir schließlich am Abend des 2. Tages am Fluß ankommen. Eine braune, eiskalte Brühe tost uns vom Gletscher einige Kilometer talaufwärts entgegen und trennt uns vom weiteren Weg.

Als wir uns weiter nähern entdecken wir inmitten der Fluten einen Wanderer, der sich, einen Ast als Gehstock verwendend, durch die Fluten kämpft. Es sieht dabei nicht so aus, als hätte er die Situation wirklich unter Kontrolle. Er steht hüfttief in der eiskalten Strömung und scheint sich weder vorwärts noch rückwärts zu bewegen. Offenbar reicht seine Kraft nur noch um der Strömung standzuhalten, nicht jedoch um zurück oder ans andere Ufer zu gelangen. Mir wird klar, das die Situation wirklich gefährlich ist und ich haste dem Wanderer auf einer kleinen Insel auf unserer Seite entgegen. Kurz bevor ich bei ihm bin, rutscht er schließlich weg und wird von der Strömung ein paar Meter weggetragen, wo er sich, mittlerweile fast mit dem ganzen Körper im Wasser, irgendwie noch festhalten kann. Ich schaffe es ihm meinem Wanderstock zu reichen und brülle “Hold ON!” gegen das Getöse des Wassers. Er schafft es den Wanderstock zu greifen, wodurch ich ihn weiter auf meine Seite und schließlich ans Ufer ziehen kann. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wären wir nicht gerade vorbeigekommen.

Klatschnass, aber wieder auf sicherem Boden will er meinen Namen wissen, “Whats the name?, You saved me. Where are you from?”. Es handelt sich um einen Russen, der 20 Jahre in Wien gelebt hatte. “Das hier ist lebensgefährlich” sagt er in perfektem Deutsch, aber immer noch ziemlich verdattert und am ganzen Körper schlotternd. Wir wechseln ein paar Worte doch halten ihn nicht weiter auf, damit er weiter zum nächsten Ort und sich wieder aufwärmen kann. Julie und ich sind immer noch geschockt, als eine weitere Wanderin vorbeikommt und uns davon abrät den Fluß zu durchwaten. Auf diese Idee wären wir jetzt aber sicher nicht mehr gekommen.

Wir schauen ob an anderer Stelle besseres Durchkommen ist, doch müssen nach einer Stunde suchen schließlich aufgeben. Wir hoffen, das am nächsten Morgen, wenn der Gletscher über die Nacht gefrieren würde, weniger Wasser fließen werden würde. Glücklicherweise gibt es auf unserer Seite zahlreiche Zeltplätze und wir bauen erstmal unser Camp auf. Entgegenkommende Wanderer, die wir auf der anderen Seite des Flusses sehen, haben weniger Glück. Dort ist der Boden nicht so gerade und es haben auch nicht alle ein Zelt dabei. Offenbar sind wir nicht die Einzigen, die den Fluß unterschätzt haben. Warum hier keine Brücke oder Ähnliches gebaut wurde, können wir uns nur mit dem guten Geschäft erklären, dass man durch das Führen von Touristen auf Pferden über den Fluß machen konnte.

Die besagten Pferde bekommen wir dann schließlich auch erst am nächsten Morgen zu sehen. Wahrscheinlich ist auch für sie die Strömung am Abend zu stark. Wir sind natürlich zu geizig für die (frechen) 7€/Person, die ein “Überitt” kosten würde und waten durch, die mittlerweile glücklicherweise stark abgenommene aber dennoch kalte. Strömung.

Nachdem wir am ersten Tag zu spät losgingen, am zweiten Tag verschlafen haben, und nun durch den Fluß aufgehalten wurden, haben wir an diesem Tag noch reichlich Kilometer zu machen und kaum mehr Essen dabei. Im letzten Dorf kehren wir deshalb sicherheitshalber ein und Essen ein “Katchapuri”. Der mit Käse gefüllte angebratene Hefeteig schmeckt wie man sich Ostblock-Essen eben vorstellt: Nicht besonders liebevoll, aber so füllend, dass am Ende kann niemand sagen kann er sei nicht satt geworden. Wir schaffen es schließlich trotz allem am selben Tag noch bis kurz vor Uschguli, wo wir am Folgetag wieder ein Minibus zurück nach Mestia nehmen und uns erstmal mit, diesmal deutlich besseren, georgischen Essen belohnen.

One Reply to “2023-06-26 Mestia – Uschguli”

  1. Da bin ich wiedermal froh, alles erst im Nachhinein zu erfahren! Nur die Stärksten kommen durch! Viel Glück in Armenien!!!

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