Gastbeitrag von Julie

Unser Timing in Diyarbakir kann man sowohl als gut als auch als schlecht bezeichnen. Schlecht war es dahingehend, dass wir uns am Tag der Türkeistichwahl in der inoffiziellen Kurdenhauptstadt, in der es immer wieder bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Polizei gibt, einfanden. Darüber waren wir uns jedoch nicht vollständig im Klaren. Gut hingegen war es, weil genau dieses Timing es uns erlaubte, die Bekanntschaft mit zwei gastfreundlichen Kurden zu machen, die uns einen untouristischen Einblick in ihren Wohnort erlaubten.

Diyarbakir übertraf unsere Erwartungen erheblich, zugegeben hatten wir auch keine konkrete Vorstellungen von der Türkeihauptstadt der Kurden. Am Tag der Ankunft fanden wir vor lauter Festivitäten kaum einen Parkplatz, schließlich konnten wir aber am Ufer des Tigris, wo die Kurden gerne angeln und grillen schlafen. So viel Nachtleben hatten wir schon lange nicht erlebt, wir fühlten uns wie in Italien.
Am nächsten Morgen machten wir uns also auf Richtung Zentrum, bereits morgens war die historische Brücke über den Tigris von tanzenden und trommelnden Kurden besucht. Die ganze Stadt war von Erdogan Bildern und Flaggen geschmückt, die Hauptstraße bunt belebt. Wir fanden uns in einer alten Karawanserei ein und genossen einen Kurdischen Cafe, während wir einen Fremdenführer abwimmelten. Wir hatten schon so viel gesehen und wollten die Stadt gar nicht “besichtigen”, sondern gemütlich schlendern und das Flair genießen bzw. ein paar Dinge besorgen. Mit neuem Thermometer für den Wohnraum und Tupperboxen ausgestattet gönnten wir uns einen Ciger (Leber) Döner und wir müssen sagen, es war köstlich.


Nach dem Besuch einer alten Moschee wollten wir uns noch mit Nüssen eindecken und die jungen Ladenbesitzer (oder vllt waren es an diesem Tag eher ihre Kinder?) schienen ganz aus dem Häuschen, dass wir bei ihnen etwas kaufen und umsorgten uns zu viert.

Nach einem kurzen Schlenk durch den Käsemarkt verging uns der Hunger und wir verzichteten dankend auf Milchprodukte und Oliven (obwohl diese Produkte bestimmt für eine ganz besonders gesunde Darmflora gesorgt hätten, vorausgestzt, man wäre nicht daran erkrankt) und als wir schon fast wieder aus dem Städchen draußen waren, wurden wir auf Deutsch angesprochen, von wo wir denn seien. Etwas zögerlich ließen wir uns zum Orangentee einladen, danach führen uns die zwei Kurden, die in Europa gearbeitet hatten, durch ihre Stadt. Man zeigte uns die Moschee mit Schusslöchern im Basalt, die von Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Militär zeugten, die Stadtmauer, eine weitere Moschee, versorgte uns mit Simit und erzählte die teils traurige Geschichte der verwüsteten Stadt. Unsere Gastgeber spiegelten unterdessen die inneren Konflikte der Türkei wieder: einer von der Religion, die soviel Konflikt verursacht, abgewandt und dennoch ständig mit Gebetskette in der Hand, der andere aktiv muslimisch gläubig und in jeder der Moscheen betend; beide in Angst vor dem radikalen Islam, der sich in der Türkei ausbreite. Die Erdoganbilder seien übrigens absolut nicht von den Kurden gewünscht. Man habe sie dort, wie auch an anderen Orten als Propaganda einfach aufgehängt, der Wahlausgang wird bedauert.
Es wurden etliche Freunde angerufen, die uns in anderen Teilen der Türkei empfangen sollten und jeder gab stolz seine Sprachkenntnisse preis.
Der Abend endete mit einem Kakao und Kurdenmusik im Hintergrund und vielen Tipps, Telefonnummern und Eindrücken

One Reply to “2023-05-28 Kurdenhauptstadt Diyarbakir”

  1. Ich beneide euch um diese tollen Eindrücke aus Kurdistan…., für uns Unwissende hier scheint es nur ein armes Kriegsgebiet zu sein, aber offensichtlich ist es weit mehr. Glg

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