Gastbeitrag von Julie

Wie durch ein Wunder gelangen wir durch den dichten Verkehr, ohne an einem Auffahrunfall beteiligt zu sein. Das Geheimnis der gesittet Auto fahrenden Araber, wie wir sie bisher in Saudi erlebt haben, wurde gelüftet – bis dato waren auf den vielspurigen Straßen durch die Wüste einfach nicht genug Leute in unterwegs, um drängeln zu können. Nun sind wir aber in der Stadt und jeder versucht zwischen zwei Spuren das Auto vor ihm irgendwie doch noch zu überholen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es aber doch eine Art System gibt, das für uns als Ausländer einfach noch nicht durchschaubar ist. Der Parkplatz ist gratis, man gafft mich schon beim Parken ungeniert an und ich werfe meine Abaya und Schal über.

“Allahu akbar allahu akbar”
So klingt Medina und eigentlich auch jede andere arabische Stadt.  In Medina wird diesen Worten aber durch einen eindrucksvollen Strom tausender Muslime, die fünf Mal täglich dem Ruf der gigantischen Prophetenmoschee folgen, Nachdruck verliehen.

Erst seit November ’22 ist Medina für den nicht religiösen Tourismus geöffnet, wir sehen den ganzen Tag lang genau eine Gruppe von “Kultur” Touristen wie wir es sind. Die Prophetenmoschee dürfen wir nicht besichtigen, die “Seven Moscs” stehen uns offen; mir als Frau ist jedoch nur der eher fade Gebetsraum für Frauen zugänglich (den schönen Innenbereich hat Phil fotografiert). Religion ist hier Programm und auch wir als nicht Muslime spüren die Anziehungskraft und die große Faszination des Islam. Wie aufregend es als Muslim erst sein muss, sich hier als Teil dieser großen heterogenen Gruppe mit gleicher Gesinnung zu erleben, können wir nur erahnen.

Inwiefern der Islam eine Weltreligion ist, wird uns erst in Medina klar: wir meinen Inder, Afrikaner, Türken, Deutsche, Turkmenen, Mongolen, Philippiner, und viele mehr auszumachen. Der Islam scheint hier etwas richtig zu machen, denn die Moscheen werden von jung und alt Alt gleichermaßen besucht. Vielleicht ist das auch dem eher legeren Umgang mit den religiösen Stätten gedankt, so wird in der Moschee auch Mal getratscht, ein Selfie gemacht und davor ein Eis gekauft. Überhaupt kommen die Moscheen den menschlichen Bedürfnissen mit ihren immer vorhandenen Toiletten und (rituellen) Waschmöglichkeiten weit eher entgegen als unsere Gotteshäuser.

Die Menschen, die wir hier sehen, sind fast alle traditionell gekleidet. Die Männer tragen Thobe und Kufya, ausnahmslos alle Frauen sind verschleiert (oft auch mit Niqab) und tragen Abaya. So zum Glück auch ich, dennoch werde ich vielfach regelrecht angestarrt, etliche Taxler bieten mit (ja MIR, nicht Phil) ein Taxi an. Als wir Medina besuchen (22.2.23) hat es dort 30 Grad und meine Abaya ist warm, obwohl ich sie als Kleid und nicht wie viele (oder alle?) als Überkleid trage. Medina im Sommer kann ich mir gar nicht erst vorstellen.

Auch durch die Schlitze der Niqabs treffen mich neugierige Blicke – ich schaue meinerseits neugierig zurück und freue mich besonders, als mich abends eine mit Niqab verschleierte Frau anspricht und mir ein Kompliment macht. Wieder einmal machen wir die Erfahrung, dass sich unter den Schleiern “normale” Frauen befinden.

Nach Sonnenuntergang begeben wir uns in den weltlichen Teil von Medina: Cafes, Boutiquen und Spielzeuggeschäfte Reihen sich aneinander, Kinder tragen festliche Kleidung, Niqabs sind mit Goldborten bestickt. Es wird gepicknickt und getratscht, dazwischen fahren Väter und Brüder per Fernbedienung Kleinkinder, die meinen selber zu lenken, in Miniaturautos durch die Gegend.

Auf dem Markt finden wir zu unserer Freude reife kleine Mangos und süße Papaya. Um uns von der Qualität zu überzeugen werden die Früchte auch hier aufgeschnitten und den Kunden zum Probieren gereicht. Noch eine Stunde wirrer Umleitungsverkehr und wir befinden uns auf dem Weg nach Dschidda.

2 Replies to “2023-02-22 Pilgerstadt Medina”

  1. Der Spalek ist ganz angetan von eurer Reise und den Medinaeindrücken, bes auch von Deiner Abaya !

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