Die Götter mögens stürmisch

Ein Gastbeitrag von Julie

Man kann sich die Jahreszeit, in der man eher zufällig als geplant an einem mythologisch denkwürdigend Berg wie dem Olymp vorbeikommt, nicht aussuchen, und so trifft es uns also Ende November, dass wir diesen Gipfel erklimmen müssen. Auf die Frage „Wieso eigentlich?“ bekomme ich keine Antwort.

Wie wohl das Wetter in Griechenland auf knapp 3000 Metern sein wird? „Ganz oben wird schon Schnee liegen“ beschließen wir, was später der freie Blick auf den Gipfel bestätigt. Angezuckert ragen einige Zacken aus weniger hohen Bergen heraus, während wir uns im Meer noch eine erquickende Waschung gönnen. Vorsichtshalber wird von Daunenjacke über Skihandschuhe, Regenhose, 2 Hauben bis hin zu Steigeisen und Notfallbiwak alles eingepackt.

Die Nacht vor dem Gipfelsturm bietet Dauerregen. Mitleidig parken wir abends bei nurmehr 5 Grad und Platzregen unweit zweier Camper, die im Regen am Bunsenabrenner neben ihrem Zelt stehen. Selten weiß man Raumtemperatur so zu schätzen. Für den Aufstieg ist mäßiges Wetter angesagt: ein paar Stunden Sonne, verschwindend geringe Regenwahrscheinlichkeit mit Winden zwischen 14 und 18 km/h. Hier war ganz klar ein Legastheniker am Werk.

Frühmorgens geht es im Stockdunkeln mit Stirnlampe los, 2000 Höhenmeter machen sich nicht von alleine und um fünf wird es ja bereits wieder dunkel. Noch am Parkplatz schließt sich uns hellauf begeistert eine magere Hündin an, die uns den Weg zeigt. Wir taufen sie kurzerhand „Hermes“.

Der „angezuckerte Gipfel“ beginnt bereits nach etwa 500 Höhenmetern und stellenweise sind die Steine mit Glatteis überzogen. Nach der „Spilios Agapitos“ Hütte betreten wir eine atemberaubende Winterlandschaft mit Weitblick und eisüberzogenen Nadelbäumen, auch zunehmend böiger Wind macht sich bemerkbar.

Im Schnee hinterlassen wir die einzigen menschlichen Fußspuren, die zu sehen sind. „Hermes“ ist sichtlich erbost, dass wir weiter aufsteigen, bellt uns von der Hütte aus nach und scheint zu beschließen, dass sie uns nicht alleine gehen lassen kann. Auf 2600 Metern nimmt das Eis auf dem Weg zu, während wir manchen Böen nur trotzen, indem wir uns an den Hang legen, um nicht rückwärts umgeblasen zu werden. Als dann auch noch Nebel aufzieht, in dem der vermeintliche Gipfel verschwindet, entschließen wir uns zur Umkehr – die Steigeisen werden angelegt und rasch sind wir 200 Meter tiefer. „Hermes“ scheint erleichtert und eilt voraus zur Hütte hinab. Während sich der vermeintliche Nebel lichtet, bemerke ich, dass ich in meiner Orientierungslosigkeit einen anderen Gipfel für den Unseren gehalten hatte und mit den Steigeisen lief es sich auf dem Eis dann doch sehr sicher…

Also noch einmal mühsam die 200 Höhenmeter hinauf, nun sind wir geistig gewappnet und wissen was uns erwartet: Steine mit waagrecht festgefrorenen Eisgebilden, orkanartige Böen, die uns abgebrochene Eisstücke ins Gesicht peitschen und denen wir nur durch abwenden und niederkauern trotzen, Eis, Firn und darauf verwehter Pulverschnee. Trotz tief ins Gesicht gezogener Haube, Schal und Brille müssen wir unser Gesicht mit den Händen vor dem unablässig blasenden Eiswind abschirmen. Der Weg ist nicht allzu anspruchsvoll stellen wir fest, als wir ihn nach einigen hundert Metern im Gelände wiederfinden– der Schnee hatte ihn verblasen und wir finden uns in einer herausfordernden und steilen Winterlandschaft wieder.

Da wir nicht mit Blankeis gerechnet hatten und Phil nur in Grödlen unterwegs ist, belassen wir es beim ersten Gipfel, dem „Skala“, um die (einfachen) Klettereien hinauf zum Mytikas in vereistem Gelände zu vermeiden. Wir genießen auf dem Gipfel die einzigen paar windfreien Augenblicke, die uns die Götter gönnen, bevor wir wieder absteigen und die zwei Camper vom Parkplatz treffen. Sie nehmen es eher gemütlich und wir staunen nicht schlecht über deren kurze Hose, als wir, in sämtliche Kleidungsstücke gepackt, absteigen. An der Hütte wartet „Hermes“ auf uns und frisst mit Begeisterung alles, was wir ihr anbieten. Die zwei Camper vom Parkplatz waren umgekehrt und sie treffen zu unserer Erleichterung wenig nach uns am Plateau der Hütte ein. Sie beschließen neben der Hütte zu campen während wir erschöpft die restlichen 1000 Höhenmeter absteigen. Mit Einbruch der Dunkelheit fahren wir ins Tal und gönnen uns ein festliches Abendessen, bevor wir um 20.30 Uhr restlos erschöpft aber glücklich zu Bett gehen.

(Symbolfoto, das ist Athen)

Es bleiben vier weitere Gipfel, die auf einen günstigen Zeitpunkt zur Besteigung warten.

6 Replies to “2022-11-23 Olymp”

  1. Gott sei Dank seid ihr vom Göttersitz wieder unten! Aufregend schön!!!Freu mich für euch! Das hätte ich auch gerne erlebt! Grüßt mir die Pallas Athene!

  2. Da hat es Zeus ja gut mit euch gemeint, da bibbert man schon beim Lesen und Betrachten der Bilder, vor Kälte, Wind und der Aufregung, wahsinnige Leistung und ganz tolle Eindrücke

    1. Genial!!!
      Da wäre ich gerne dabei gewesen 😃
      Das Glück aus einer Erschöpfung heraus ist immer unbeschreiblich schön!
      Beneidenswert 😉
      Wünsche euch noch viele so wunderschöne Touren!
      Alles Liebe 😘🙋‍♀️

  3. Herrlich! War vor ca 10 Jahren auch mal oben, war Anfang Oktober aber quasi noch Sommer wettermässig, also kein Vergleich 😀

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